Ein Beitrag, von der Zeit überholt


Ich hatte ja schon mal darüber geschrieben, dass es in meinen Augen ein "digital dark age" gab – der Übergang von analogen zu digitalen Medien führte zu einer "early adopter"-Phase, deren Zeugnisse weitgehend abhanden gekommen sind.

Es war eine Zeitraum von je nach Maßstab 10 oder 20 Jahren. Damals gab es keine einheitlichen Dateiformate, die Qualität der produzierten Dateien (Texte, Bilder, Videos) war schauerlich, und kaum jemand hatte irgendein Backup, falls die schlabberige 5 1/4-Zoll Diskette ihren Geist aufgab. Was weg war, war weg.

Besonders bedauerlich ist das in meinen Augen in Sachen Multimedia, also Fotos und Filme. Was um und ab der Jahrtausendwende mit den ersten digitalen Camcordern und Fotokameras festgehalten wurde, ist selten archiviert worden – und wenn, dann kann man es entweder nicht mehr anzeigen oder angesichts der Qualität nicht mehr ertragen.

Das wollte ich beklagen. Die Tatsache, dass eine halbe Generation lang Bilder in Größe 320×200 gemacht wurden und Videos in Briefmarkengröße mit 5 Frames pro Sekunde. Dateien, die mehr über die Technik dahinter aussagen als über die Motive davor. Eine Ära des Aufbruchs, die miserabel dokumentiert wurde, weil es 4k nicht nur nicht gab – sondern weil kein Computer das hätte speichern können.

Diese spezielle Phase des "digital dark age" sehe ich ohne jegliche Verbindlichkeit bei 1998 bis 2005. Danach wurde die Qualität der Bilder und Videos besser, die Formate einheitlicher, und die User hatten ausreichend Speicherplatz, um das Material für die nachfolgenden Generationen zu bewahren. jpg, mp4, mp3, – auch nach 20 Jahren reicht meistens der Doppelklick, um die Schätzchen zu öffnen.

Mir ist daran gelegen, dass wir das "digital dark age" nicht einfach hinnehmen. Ich wollte sogar eine Art "digitale Archäologie" anmahnen, eine konzertierte Aktion, alte CD-R und Disketten nach Material durchzuforsten, das dem Vergessen anheim zu fallen droht. Auch wenn die Qualität scheiße war und ist, sollte man doch wenigstens das bewahren, was von der Jahrtausendwende noch übrig ist.

Wie gesagt, diesen Artikel wollte ich seit bestimmt 10 Jahren schreiben. Mittlerweile hätte ich die Zeit – aber er hat sich genau genommen erledigt. Weil die Zukunft in der Lage sein wird, die Vergangenheit wieder in die Gegenwart zu holen. Und das weitgehend ohne Abstriche oder Zauberei.

Ich spreche natürlich mal wieder von der KI. Und natürlich weiß ich, dass diese kein Allheilmittel ist. Sie kann nicht zurückholen, was nie dokumentiert wurde. Sie repräsentiert keine historischen Fakten, sondern schafft eine historische Fiktion.

Aber dennoch…

Ich habe in den letzten Wochen sehr viel mit der KI daran gearbeitet, alte Familienfotos aufzuarbeiten. Bilder von den ersten Reisen, bei denen ich meine erste Vobis-Digitalkamera dabei hatte, die kein Megapixel an Auflösung lieferte. Ich habe sogar testweise ein paar wackelige Videoclips durch einen Konverter laufen lassen, der sie aufhellte, gerade stellte und ein wenig entrauschte.

Das ist nicht nur privat, sondern auch im journalistischen bzw. dokumentarischen Bereich wertvoll. Ich kann mich gut erinnern, was für miese Bilder ich teilweise in meinen Science Fiction-TV-Guides verwenden musste, die genau in das "digital dark age" fielen – für so ein Foto der obskuren Serie THE WANDERER musste ich schon dankbar sein:

Würde ich heute einen Artikel über die Serie schreiben, müsste ich das gerade mal 42kb große jpg nur kurz durch ChatGPT jagen, um ein erheblich besseres Ergebnis zu bekommen, das man tatsächlich drucken könnte:

Die Erkenntnis: es geht. Man kann altes Material, bei dem man ständig entschuldigend "war halt damals nicht besser möglich" murmeln musste, mit Hilfe der entsprechenden Programme publizier-, präsentier-, und druckbar machen.

Dabei rede ich übrigens nicht primär von webgesteuerten KI-Plattformen wie ChatGPT. Besonders das von mir schon hoch gelobte TOPAZ Photo AI wird von Version zu Version besser. Für die gröbsten Aufgaben (Gesichter rekonstruierten, hochrechnen) gibt es einen Autopiloten, bei ziemlich unbrauchbaren Vorlagen empfiehlt sich der rechenintensive "Wonder"-Algo. Natürlich kann man sämtliche verfügbaren KI-Modelle auch selber auswählen und justieren.

Das Problem reichte bis in meinen Blog. 2009 konntet ihr in einem Artikel über meine ersten Spielekonsole dieses unscharfe und gering aufgelöste Bild sehen:

Die Kameras taten sich damals massiv schwer, in der relativen Dunkelheit des Wohnzimmers zu fokussieren und dabei das grelle Licht des Fernsehers zu ignorieren. Was ihr da oben seht, ist das Beste, was ich damals rausholen konnte.

Auftritt ChatGPT:

Mittlerweile würde ich diese Restauration übrigens auch wieder TOPAZ überlassen, weil dabei nichts verändert oder hinzu geschummelt wird.

Online-Angebote z.B. bei HuggingFace sind zwar bei der kostenfreien Nutzung limitiert, aber die Geschwindigkeit und Flexibilität ist absolut verblüffend. Ich habe z.B. A3-Poster, bei denen durch den Scan bedingt in der Mitte ein Zentimeter Motiv fehlte, hochgeladen und eingegeben "fülle die Lücke zwischen den beiden Hälften" – in den meisten Fällen war kein Eingriff in das Bild mehr erkennbar.

So muss man sich das in etwa vorstellen:

Nicht perfekt, nicht 100 Prozent authentisch. Aber eine probate Möglichkeit, den Dingen auch in der HD-Ära wieder Gewicht und Präsenz zu verschaffen.

Genau diese Möglichkeit wird in den nächsten Monaten den vermutlich größten Event unterstützen, den ich auf diesem Blog jemals geplant habe.

Der konkrete Anlass für diesen Artikel war übrigens ein weiteres Stück "lost media", das mir nach 35 Jahren in die Hände gefallen ist und dank moderner Technik der Nachwelt erhalten bleibt – es wird noch drüber zu reden sein:



13 Kommentare

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Kai
20. August, 2026 10:57

Das letzte Bild lässt mich neugierig werden. 🙂

Ich habe zwei Kassetten mit überspielten Tonbandaufnahmen meiner Großeltern väterlichseits, beide gestorben 1969. Da war ich gerademal Anderthalb, habe also keine Erinnerung an sie. Diese Aufnahmen möchte ich auch seit Jahren für die Nachwelt bewahren. Zumal beide darin über ihre eigenen Kindheitserinnerung sprechen (geboren 1892 und 1896)…

Sven
20. August, 2026 16:41
Reply to  Kai

Cool, der wohl erste Podcast ever:-)

20. August, 2026 12:08

Spannendes Thema. Mir fallen dazu die Musikvideos ein, die als Bonus auf CDs veröffentlicht wurden – manchmal mit eigenem Player. Tatsächlich eine verlorene Zeit.

Dinozeros
20. August, 2026 12:54

Frankfurt Con?

jimmy1138
20. August, 2026 16:42

Ich denke, die Gefahr ist durchaus gegeben, daß das "digital dark age" nicht bloß die Anfangszeit hauptsächlich digitalisierter Daten, sondern die ganze Epoche (und damit die mittelfristige Zukunft) umfassen wird. Welche Historischen Dokumente aus unserer Zeit werden Jahrhunderte überdauern können?

21. August, 2026 11:47
Reply to  Torsten Dewi

Und das wiederum ist ein Problem der Wissenschaft an sich. Ohne universitären Zugang ist es fast unmöglich, an wissenschaftliche Papers ranzukommen, weil da eine handvoll gieriger Unternehmen irgendwelche absurden Preise aufruft für entsprechende Zugänge. Deren einziges Geschäftsmodell ist es, sie irgendwie die Rechte über die Arbeiten Dritte zu sichern und dann hinter einer Paywall zu verstecken. Echt ätzend. Die TU Dresden geht da einen anderen Weg und proklamiert ganz offensiv Open Data und veröffentlicht die Arbeiten auf einem frei zugänglicheb Onlineportal. Das sollten sich viel mehr Unis auf der Welt als Beispiel nehmen.

21. August, 2026 15:09
Reply to  Torsten Dewi

Volle Zustimmung. Zumindest bei der Lehre und Forschung – insbesondere weil sie oft vom Staat und damit vom Steuerzahler bezahlt werden. Da bin ich genauso für, wie auch bei allen Beiträgen und Produktionen der öffentlichen Rundfunkanstalten. Forschung irgendwelchen Unternehmen zu überlassen, die dafür nichts aber auch gar nichts tun, ist ein absolutes Unding. Gleiches übrigens beim Beuth-Verlag, der DIN, ISO, EN, …-Normen nur für ein Heidengeld rausrückt – alles steuerfinanziert erstellter Content. Wie so ein Geschäftsmodell irgendwie auch nur entfernt legal ist, erschließt sich mir bei bestem Willen nicht. Bei den Katalogen bin ich eher leidenschaftslos, aber man kann zumindest sagen, dass das nicht steuerfinanzierter Inhalt ist. Wenn auch ein schönes Stück Zeitgeschichte.

Walter K. aus H.
22. August, 2026 15:17

Es existieren von mir noch Tonbandaufnahmen ca.1966 als Kleinstkind. Da brauche ich allerdings zunächst eine Art dingliche KI, da die Bänder verklebt sind …

Ich hab mir grade neulich ein paar Bilder aus 1990 schönrechnen lassen, die, nun ja, eindeutigen Inhalt hatten. Die KI hatte zwar einen, wie ich meine, tadelden Unterton drauf, aber die Ergebnisse waren tadellos.