Giesing my love
In den letzten Wochen war ich immer mal wieder in Obergiesing – dem Teil von München, in dem ich von Anfang 2002 bis 2011 gelebt habe. Mein Häuschen, seit mehr als zehn Jahren vermietet, ist immer noch ein Schmuckstück (für dieses Bild per KI als eine Art sympathisches Gemälde stilisiert):
Das Wortvogel-Hauptquartier. Hier wurde er geboren, so sah es aus!
Gestern ergab sich dann die Gelegenheit, das Viertel mal wieder spaziergängerisch zu erkunden und wahrlich – es hat sich was getan.
Giesing wird gerne als "Glasscherbenviertel" bezeichnet, aber das ist nur noch halb wahr. Die Tegernseer Landstraße teilt den Kiez in zwei erstaunlich distinktive Bereiche. Die Ostseite ist dabei immer noch sehr halbgar, hässliche Nachkriegsbauten wechseln sich mit kleinen Altbeständen aus dem 19. Jahrhundert ab. Es gibt hier tatsächlich noch Hinterhöfe wie diesen:
In nicht wenigen dieser schrabbeligen Arbeiterklasse-Refugien stehen allerdings mittlerweile Kastenwägen von Handwerkern, an Aus- und Umbau beteiligt:
Was von 60, 70 Jahren neu war, ist auch nicht gut gealtert – da kann man so viele Balkone nachträglich dranflanschen wie man will:
An den schlimmsten Bausünden wird fleißig gewerkelt, denn Giesing ist mittlerweile ein Insider-Tipp, den brachliegen zu lassen sich niemand leisten kann:
Auf der Ostseite der TeLa findet man auch noch Kneipen und Restaurants, die nach Jahrzehnte altem Zigarettenrauch, knarzigen Spielautomaten und schlecht gespülten Biergläsern aussehen. Hier sind die 70er nie zu Ende gegangen – und das ist gut so.
Es gibt natürlich auch Lichtblicke – dieser Baum ist ein echter Hingucker:
Überquert man die TeLa in Richtung meines Hauses, scheint man wie durch eine schimmernde Regenbogenwand in ein Paradies zu treten. Die Stadt hat in den letzten 30 Jahren konsequent daran gearbeitet, das Viertel aufzuwerten, alte Bruchbuden an Handwerker zu verkaufen, und diesen zu meiner Zeit verschlafenen Teil von Obergiesing brautschön zu gestalten.
In den Cafés und Restaurants, die 2010 noch düster und schlecht besucht aussahen, drängelt sich nun das Hipster-Volk, statt Saufbrüdern schlendern Mütter mit Kinderwagen durch die Gassen, und praktisch alle Fassaden sind sauberst saniert. Ich kann mich noch gut erinnern, dass diese alte Gaststätte aus dem frühen 20. Jahrhundert einsturzgefährdet war, als ich 100 Meter davon entfernt wohnte:
Direkt dahinter versteckt sich noch dieses kleine Haus, das direkt an das architektonisch mutige neue Kaufhaus-Gebäude grenzt, in dem die Bewohner des Viertels einen Woolworth, einen Edeka, und einen DM-Markt finden:
Schaut man mal über die Zäune, gibt es richtige kleine Oasen, in denen die Birnbäume vor lauter Früchten fast zusammen zu brechen drohen:
Aus einem der Hinterhöfe hat man einen guten Blick auf die Stelle, an der das kleine Uhrmacherhäusel stand, dessen illegaler Abriss vor einigen Jahren für einen handfesten Skandal sorgte. Es ist, als könne man seinen Schatten noch sehen:
Nachdem ich eine halbe Stunde lang durch das Viertel spaziert bin, kann ich nur konstatieren: mei, ist das schön hier! Das alte Schwabing ist nicht schöner, das Westend auch nicht. Man hat alles, was man braucht, in Fußweite – und direkt um die Ecke fahren S-Bahn, U-Bahn, Bus und Tram in alle Himmelsrichtungen. Zu Fuß zum 1860er-Stadion? Kein Problem. Ein Big Mac in der ersten deutschen McDonalds-Filiale? Hier entlang.
Keine Ahnung, ob Giesing mittlerweile ein schlecht gehütetes Geheimnis ist, aber ich habe mich auf Anhieb neu in das Viertel verliebt. Fast schade, dass ich nicht mehr hier wohne. Mehr Lebensqualität geht in München kaum.
Und weil ich gerne auf etwas Unterhaltsamem ende – in der Edeka-Filiale steht im Vorraum einer dieser Automaten für "Mystery Boxes". Da kann man viel Geld für Ramschware raushauen, die man mit Sicherheit nicht braucht.
Eigentlich keine schlechte Idee. Ich komme drauf zurück. Bald…











Wäre es bei mir nicht Bogenhausen geworden, dann definitiv Giesing. Wie du schon anmerktest, kommt da sehr viel auf kleinem Raum zusammen und das macht es ganz wunder atmosphärisch. Auch sehr zu empfehlen: Das Stadtteilfest Ois Giasing.
Guten Abend 😀
Als interessierter, bisher stiller Mitleser möchte ich an dieser Stelle nur an die exzellente, über fünfzig Jahre alte „Topographie“-Folge von Dieter Wieland über Giesing erinnern:
https://www.ardmediathek.de/video/unter-unserem-himmel/vorstadt-giesing/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvL2Y0ZTVjZjRkLTFjNWEtNGFlZS04NGQ4LTYxOThkYmI3YzM3Ng