(N)Evernote: Digitale Kramschublade
Das hier ist eine Art Update zu meinem Beitrag "Verzettelt" von 2022. Er ist auch eine Portion Kreide, die ich öffentlich fressen muss.
Zu meinen elementaren digitalen Werkzeugen gehört ein potentes Notizbuch, in dem ich in verschiedenen Ordnern und Strukturen alles sammeln kann, auf das ich permanent Zugriff haben muss: Anmerkungen, Listen, Ideen, Links, Artikel, Entwürfe, Zitate, Recherchen, Vorlagen. Das ist schon seit Windows-Zeiten Anfang der 2000er so: damals gab es mit "Cue Cards" ein erstes Tool, in das ich alles schmeißen konnte, was mir an Text unter die Finger kam und nicht auf der Festplatte versauern sollte.
Mit den Jahren gab es immer potentere Möglichkeiten, das digitale Notizbuch zu führen. Die Ansprüche wuchsen, die Angebote auch. Die wichtigste Neuerung war mit dem Aufkommen von Cloud-Anbietern die Möglichkeit, auf jedem Gerät gespeicherte Informationen auf jedem anderen Gerät abrufen zu können, ohne sich selber um die Synchronisation kümmern zu müssen.
Der grundlegende Aufbau ist bei den meisten dieser Tools gleich: links eine Spalte für die verschiedenen Notizbücher (Privat, Projekte, Steuern, etc.), daneben die Notizen innerhalb des gewählten Notizbuchs, die Kapiteln entsprechen. Auf der rechten Seite dann der Inhalt der gewählten Notiz, die nicht nur Text enthalten kann, sondern auch Listen, Tabellen, Fotos, Diagramme, etc.
Ich kenne Leute, die mit so einem Programm ganze Romane planen und schreiben. Andere nutzen es als Textverarbeitung oder als Archiv für Webseiten, die sie damit abspeichern. Die Möglichkeiten sind vielfältig.
Wahrlich, ich habe viel ausprobiert. Evernote war immer mein "tool of choice", aber mit wuchernden Features wurde die kostenfreie Variante immer mehr kastriert und die kostenpflichtige Variante immer teurer. OneNote von Microsoft ist in meinem MS-Account enthalten, aber in der Nutzung eine Katastrophe, weil die App alles für alle sein will und sich dabei total verzettelt.
Es gibt eine gute Freeware-Variante von Evernote namens Joplin, zu der ich nach einem katastrophalen Datenverlust allerdings das Vertrauen verloren habe. Andere und ähnliche Tools sind mir zu kompliziert (Obsidian) und ich argwöhne, dass die irgendwann Geld verlangen für etwas, für das ich keins zahlen möchte.
Google Notizen, vormals Keep? Das Gegenteil von OneNote – zu reduziert als Sammlung von Post-its in digitaler Form. Das ist umso ärgerlicher, da ich sehr stark in die Google-Sphäre eingebunden bin und so ein Tool eigentlich genau in das Geschäftsmodell von Google passen sollte.
Also doch Evernote, seit vier Jahren im Premium-Abo. Eigentlich zu teuer, aber in der täglichen Nutzung eben doch unersetzlich. Mir geht der "feature bloat" allerdings ein bisschen auf die Nerven – das Tool wächst massiv über meine Bedürfnisse hinaus, die primär in der Verwaltung von Textschnipseln liegen.
Vor zwei Tagen bin ich allerdings auf die für mich richtige Lösung gestoßen. Auf meinem Rechner. Ich habe nämlich – nicht lachen – eher aus Versehen auf das Icon zur App Notizen von Apple geklickt. Und da ging ein Fenster auf, das Evernote zumindest auf den ersten Blick sehr ähnlich sah.
Ich muss mich an dieser Stelle erklären, vielleicht sogar entschuldigen: als jemand, der vergleichsweise spät von Windows auf Apple umgestiegen ist, habe ich meine Probleme mit der restriktiven Apple-Biosphäre, die mit vielen proprietären Formaten arbeitet und zwar intern gut abgestimmt ist, nach außen aber blockt, als sei sie von Feinden umzingelt. It doesn’t play nice.
Darum habe ich bis heute die iCloud nicht aktiviert, meine Passwörter verwahrt BitWarden, und die Mails lasse ich ausschließlich bei Gmail. Texte schreibe ich mit Google Docs oder Microsoft Word, aber nicht mit Pages. Ich meide die Apple-Eigensoftware, wo ich kann.
Ich hatte auch immer eine berechtigte Sorge, dass die Nutzung der Apple-eigenen Apps mich zu sehr auf die Apple-Hardware festlegt. Das stimmt zwar, aber es ist letztlich eine Erkenntnis ohne Wert: abgesehen von meinen Fire Tablets bin ich ja mittlerweile sowieso komplett bei Apple: Macbook, Watch, iPhone.
Weil mir das, was ich bei Apple Notizen sah, überraschend gut gefiel, entschloss ich mich, während der Wartungspause zur Umstellung meiner Webseite mal genauer hinzuschauen, ob ich die Lösung vielleicht immer schon in Griffweite hatte, sie aber wegen einer gewissen Betriebsblindheit nicht sehen wollte.
Drei Dinge waren mir beim direkten Vergleich wichtig: ein vertrauter Workflow, eine Möglichkeit zum Im- und Export von Notizen, und die Einbindung des Webclippers, um interessante Artikel aus dem Netz an einem Ort zu sammeln – selbst für den Fall, dass sie online irgendwann gelöscht werden.
Tatsächlich ist Apple Notizen vom Aufbau her mit Evernote vergleichbar, allerdings nicht so massiv mit Features überladen, die man vermutlich eh nicht braucht. Die Anbindung an iCloud ging vergleichsweise einfach.
Wichtiger noch: Der Import meiner vielen Evernote-Notizen brauchte nicht mal einen Zwischenschritt über ein gemeinsam kompatibles Dateiformat, denn Apple Notizen kann die proprietären .enex-Dateien direkt verarbeiten (mit vertretbaren Mängeln in der Darstellung und Formatierung).
Hakelig wurde es beim Webclipper. Diese Funktion ist für Apple Notizen aus nicht nachvollziehbaren Gründen nicht vorgesehen. Auch ChatGPT meinte, dass dies ein großes Manko sei und man sich deshalb für diesen spezifischen Zweck eine App wie Joplin in der Hinterhand halten solle. Das kam für mich allerdings nicht in Frage, denn die Zahl an Notizen-Apps, die ich zu betreiben bereit bin, ist 1.
Doch siehe: wo es ein Problem gibt, gibt es meistens auch eine Lösung. Jemand hat nämlich einen Webclipper für Apple Notizen gebastelt, der über eine kleine App auf dem Rechner Webseiten dauerhaft abspeichert. Das ist nicht so perfekt wie beim ausgereiften Webclipper von Evernote, aber es reicht für meine Zwecke.
Momentan sieht es ganz danach aus, als könnte ich mein kostenpflichtiges Evernote-Abo im nächsten Jahr kündigen. Das spart immerhin 10 Euro im Monat und ich mache mich auch nicht mehr von der Preispolitik des Anbieters abhängig. Und ich beginne so langsam der Apple-Biosphäre ein wenig mehr zu vertrauen.
Vielleicht schaue ich dieser Tag mal nach, was noch so auf meiner Festplatte schlummert…






Nicht nur die App ist genial, das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Geräten sucht seinesgleichen. Das war für mich einer der wichtigsten Gründe für den Wechsel.
Sprichst du von Apple Notizen?
Apple Notizen, Erinnerungen, Journal und einige andere, die sich hervorragend ins Apple Universum einfügen und mit Iphone, Ipad, Mac Book und iMac zusammenarbeiten. Und im Gegensatz zu Android, ballern mich die Apps auch nicht mit Werbung zu.
War auch ein früher Nutzer von Cue Cards und Evernote. Aber die Einschränkungen waren mir dann doch zu groß bei Evernote.
2024 bin ich auf Mac umgestiegen und habe inzwischen mein Tool für den Ersatz von Evernote gefunden: UpNote.
Sieht gut aus, aber was sind die Vorteile gegenüber Apple Notizen abgesehen von der Möglichkeit, es auch unter Windows oder Android zu nutzen? Da muss ich ja wieder für etwas zahlen, was ich bei Apple kostenlos bekomme.
Ich nutze UpNote als Ergänzung zu Apple Notizen, meinem Notizenarchiv. Habe vor drei Jahren ebenfalls Evernote verlassen und mein Notizenarchiv zu Apple migriert. UpNote ist für mich eine tolle Ergänzung zur "Sammlung" außerhalb von Apple und es geht eben auch unter Windows und Android. Ist sehr clean gestaltet und wirklich ein guter, ergänzender Tipp. Hat man viele Apple-Geräte, ist Apple Notizen aber einfach die beste Wahl.
Noch ein PS: UpNote ist auch für iPhone und iPad verfügbar.
"Darum habe ich bis heute die iCloud nicht aktiviert" … "Die Anbindung an iCloud ging vergleichsweise einfach."
??
Die erste Aussage war eine generelle Aussage über die letzten 15 Jahre, die zweite der aktuelle Stand.
Falls Du beim Thema „Notizen mit Apple Notes“ komplett eskalieren willst: Forever Notes hat gute Tipps zur Orga von Notes
https://www.myforevernotes.com/
Das schaue ich mir gerne mal an, danke.
Die Apple-Notizen nutze ich am Desk- und Laptop ja vor allem auch deswegen, weil sie selbst bei einem notorischen Bildschirm-Überfrachter wie mir (immer irgendwie -zig Fenster diverser Programme geöffnet) halt durch die aktive Ecke leicht erreichbar ist, ohne zu suchen – Mauszeiger in die untere rechte Ecke ziehen, schon poppt der kleine Zipfel auf und ich kann schnell was zwischenlagern. Meist aber nur Textschnipsel.
Für die etwas größeren Ansprüche nutze ich trotzdem nebenher noch Notion, das auch in der kostenfreien Variante überaus brauchbar ist und das ganze Durcheinander immerhin etwas logischer strukturiert. Dazu kommt noch die starke Community, die für unzählige Templates zu Anwendungsfällen sorgt, von denen ich vorher gar nicht wusste, dass ich sie unbedingt brauche 🙂 …
Synchron auf allen Geräten laufen ja beide Anwendungen
Ähnliche Geschichte: Ich habe ewig nach der für mich besten Todo- bzw. Erinnerungen-App gesucht und war nie ganz zufrieden. Nach dem Umstieg aufs iPhone bin ich bei Apples kostenloser Erinnerungen-App gelandet und die Suche hat tatsächlich ein Ende. Kann ich nur empfehlen 🙂
Erinnerungen gehört zu den Apps, die ich auf meinem Mac noch nie geöffnet habe. Das wird morgen nachgeholt!