Kino Kritik: SPIDER-MAN – BRAND NEW DAY


USA 2026. Regie: Destin Daniel Cretton. Darsteller: Tom Holland, Zendaya, Sadie Sink, Jacob Batalon, Jon Bernthal, Florence Pugh, Tramell Tillman, Michael Mando, Mark Ruffalo, Liza Colón-Zayas, Eman Esfandi, Marvin Jones III, Zabryna Guevara, Jamaal Burcher, Billy Clements, Kurtis Lowe u.a.

Story: Während Spider-Man die Kriminalitätsrate in New York beeindruckend niedrig hält, hadert Peter Parker immer noch damit, dass all seine Freunde ihn vergessen haben. Außerdem scheint er langsam die Kontrolle über seine Kräfte zu verlieren. Das kommt ihm sehr ungelegen, denn ein mächtiger "Körperspringer" legt es darauf an, die Geheimnisse der Damage Control-Behörde in seinen Besitz zu bringen. Ist diese Herausforderung für den "Kleinkram-Superhelden"-Spider-Man vielleicht doch eine Nummer zu groß?

Kritik: Ich bin ein bisschen spät dran, weil ich durch einen Fehler aus dem Verteiler von Sony gefallen bin. Ist korrigiert, sollte nicht wieder vorkommen, aber dummerweise lag das Screening von SPIDER-MAN – BRAND NEW DAY in genau diesem schmalen Korridor. Darum halte ich mich auch relativ kurz.

BND ist… bemerkenswert. Auch deshalb, weil der Film gegen den Strom schwimmt. Während auch das "neue" DCU nach dem Flop von SUPERGIRL wieder wackelt und das MCU mit AVENGERS: DOOMSDAY bestenfalls auf einen ehrenrettenden Abschluss der vergeigten aktuellen Phase hoffen kann, beweist Sony beeindruckend, dass die "superhero fatigue" eben doch ein Mythos ist und weiterhin gilt: if you build it, they will come.

Gehen wir die Zahlen mal kurz durch:

Dazu kommen noch mal 1,1 Milliarden durch die beiden animierten SPIDER-MAN.

Das sind fast sieben Milliarden Dollar – eingespielt von EINEM Superhelden.

Ob man diesen Erfolg nun Sony, Marvel, oder der Zusammenarbeit von Sony und Marvel zuschreibt, sei dahingestellt. Es hat wohl auch damit zu tun, dass Spider-Man so populär ist wie Superman und Batman, aber durch seine Menschlichkeit und seine Defizite erheblich leichter umzusetzen. Ihm hilft, dass er für einen Superhelden erfreulich wenig "super" ist.

Darum kann man den Bogen durchaus noch weiter spannen: es gibt keine andere Figur, die in 25 Jahren 11 Filme erfolgreich in den Kinos stemmen konnte – und noch dazu sechs Ableger (3x Venom, Madame Web, Morbius, Kraven) und diverse Gastauftritte in der offiziellen MCU-Timeline.

Go, spidey, go!

Aber man fragt sich doch jedes Mal: what’s next? Wann ist die Figur auserzählt? Was, wenn sie nicht mehr an das kollabierende MCU andocken kann? An welchem Punkt ist ein "höher, schneller, weiter" nicht mehr möglich?

BND gibt die Antworten darauf in beeindruckender Klarheit. Zuerst einmal reduziert der Film Spider-Man wieder auf Normalmaß. Kein Super-Kostüm, keine Abenteuer im Weltall oder in anderen Dimensionen. Die Spinne ist da, wo sie hingehört: in New York. "Friendly neighborhood Spider-Man" kümmert sich um Taschendiebe und Bankräuber, um Bösewichte der B-Liga, die nach Aussage von Yelena "kleine Kartoffeln" sind.

Während die Szenen, in denen Spider-Man durch die Schluchten von New York schwingt, diesmal noch ein wenig schwindelerregender und "mittendrin statt nur dabei" sind, können wir den Stoff des Kostüms Falten werfen sehen. Es wirkt echter, handgemachter, mehr Verkleidung als Rüstung.

Endlich wird auch der Superhelden-Kosmos von New York etabliert: Spider-Man interagiert mit diversen Kollegen mal mehr, mal weniger. Jeder hat seine Nische, man tritt sich nicht auf die Füße. Vermutlich haben die eine Whatsapp-Gruppe.

Das Auftauchen einer neuen Gefahr durch den "Körperspringer" wird nicht größer bespielt als Peter Parkers Probleme, ohne MJ und Ned klarzukommen. Es ist ja auch genau genommen nicht sein Problem, dass der neue Bösewicht versucht, Damage Control zu plündern. Bis es plötzlich doch sein Problem wird…

Letztlich ist BND damit weniger ein Action-Blockbuster mit dramatischen Momenten als ein Drama mit vielen Action-Highlights. Er bringt viel Story mit, viel Charakter-Entwicklung, viel Pathos, während die großen Fights und der MacGuffin eher den Hintergrund bilden. Das führt im Ergebnis dazu, dass DIESER Spider-Man erstaunlich deckungsgleich mit der Comic-Vorlage aus den 60ern ist, der er auch in diversen Nachstellungen klassischer Motive huldigt.

Ich gestehe, dass ich eine halbe Stunde lang brauchte, um mich in den Film einzufinden, in sein konservativeres Tempo, seine Abkopplung vom alten MCU, seine Seifenopern-Handlungsstränge. Aber BND erarbeitet sich den Respekt und entwickelt sich schnell zu einem sehr sättigenden, vielschichtigen, und ernst zu nehmenden Superhelden-Blockbuster, der den Erfolg im Kino mehr als verdient.

Fazit: Ein bemerkenswert erwachsener und komplexer Standalone-Film für Spider-Man, der die Figur perfekter als bisher im Geist der Comics repräsentiert und mit dem Rest des Marvel-Universums verzahnt. Dass die Kernstory etwas unterentwickelt bleibt, versendet sich angesichts der vielen großartigen einzelnen Segmente.



17 Kommentare

Abonnieren
Benachrichtige mich bei

17 Kommentare
Älteste
Neueste Am meisten gewählt
14. August, 2026 15:58

Ich habe mich sehr über den "Punisher" gefreut. Klar, er ist jetzt freundlicher und familiengerechter als in seiner eigenen Serie, aber ich hab seine Auftritte im Film trotzdem gefeiert und finde die Chemie zwischen ihm und Spidey super. Jetzt muss nach "Daredevil" und "Punisher" nur noch "Jessica Jones" wieder größere Screentime bekommen, dann kann ich verzeihen, dass die Netflix-"Defenders" damals so ruhmlos abgewürgt wurden…

andreas
14. August, 2026 16:53

Ja der war wirklich gut und angenehm ruhig. Kein riesen Endgegner. Ich wünschte nur, Marvel hätte irgendwie die letzten Jahre in diese Richtung gesteuert. Mit Doomsday wollen sie ja nun das genaue Gegenteil – maximal groß. Ich habe mich mehr auf diesesn Spidey Film als auf die Avengers ende des Jahres gefreut.

Matts
14. August, 2026 18:02

Ich war auch ziemlich angetan von BND. Als die Identität des Körperspringers enthüllt wurde, habe ich im Kino mit einem hörbaren "Ach was??" reagiert. Nach dem, was über DOOMSDAY schon bekannt ist, hätte ich damit vielleicht rechnen müssen, aber trotzdem: "Eine Überraschung, gleichwohl, aber eine angenehme."
Was mich definitiv von den Socken gehauen hat, waren die Actionszenen. Ich würde sogar soweit gehen, zu sagen: Das ist das Beste, was ein Spiderman-Film bisher in punkto Action geboten hat!

Thomas G. Liesner
16. August, 2026 15:23
Reply to  Matts

Ich war von der Enthüllung auch überrascht – hatte mir wirklich jeden Spoiler und auch Trailer vorher gespart – , aber ich bin nicht begeistert, warum eine der wirklich guten Figuren (wenn sie nicht gerade kosmisch besessen ist) zu einer Psychopatin werden muss, gegen die Kingping ein netter Onkel ist und auch Joker bestenfalls gleichziehen kann (den Alten aufs Auto werfen, Spidey mühsam Kinder, Ex-Freundinnen & Co vor dem gewaltsamen Tod retten lassen, den Wüterich mitten in NY loslassen, und was Explosionen und Freezing an Toten produziert haben, kann man sich auch leicht ausmalen) … und dann soll man das akzeptieren, sie hatte ja einen total verständlichen Grund dafür…

heino
14. August, 2026 19:30

Ich tue mich tatsächlich etwas schwer mit dem Film. Ja, der ist gut, aber persönlich gefällt mir NWH immer noch am besten. Dabei kann ich gar nicht genau sagen, woran das liegt, denn der Streifen hat viele sehr schöne Elemente (u.a. die Interaktion mit dem Punisher, der trockene Humor von Yelena, die gut choreographierten Fights, die nachtgestellten Cover), gleichzeitig war das am schlechtesten gehütete Geheimnis der MCU-Geschichte dann eher unterwältigend und es bleiben doch sehr viele Fragen offen. Bin gespannt, wie sie das weiterführen wollen.

Und ich habe letztens die "Secret Wars" – Vorlage gelesen und kann mir so ziemlich gut vorstellen, was in den nächsten beiden Avengers-Filmen abgehen wird. Das wird wieder mit dem ganz großen Pinsel gemalt werden, könnte aber viele Zuschauer überfordern und 3 Std 45 min Laufzeit bei Doomsday sind eine echte Herausforderung für das Sitzfleisch

14. August, 2026 19:34
Reply to  heino

Ich feiere es ja, wenn mein Sitzfleisch herausgefordert wird. Bei 225 Minuten bekomme ich wenigstens was für mein Geld…

heino
14. August, 2026 20:32
Reply to  Marko

Ja, Rückenschmerzen 🤣

14. August, 2026 20:46
Reply to  heino

Ach komm. Wie alt bist du, siebzig? 😛

heino
15. August, 2026 15:28
Reply to  Marko

Je nach Kino und Bestuhlung kann das wirklich in Folter ausarten. Es gibt hier wenig Kinos, die den nötigen Komfort für so einen langen Film bieten. Zuletzt habe ich das bei "Killers of the flower moon" gemerkt, 4 Stunden plus Werbung können wirklich lang werden

heino
15. August, 2026 15:29
Reply to  heino

Natürlich wird mich das nicht abhalten. So ein Film braucht die große Leinwand

17. August, 2026 12:11
Reply to  heino

Sehe das mit NWH ähnlich, man muss aber bedenken, dass der die Kulmination aller Spider-Man-Filme vor ihm war. Dass da ein relativer Einzelfilm wie BND nicht ganz drankommt, liegt IMO in der Natur der Sache.

Nachtrag: Die Laufzeitangabe von Doomsday auf der IMDB sind (deutlich sitzfleischfreundlichere und ziemlich genau zwischen "Infinity War" und "Endgame" gelegene) 2 Std 45 Minuten. Verschrieben, geirrt, oder weißt du was, was die IMDB nicht weißt?

Rudi Ratlos
19. August, 2026 10:01

Gestern auch gesehen und der Film fühlte sich wie eine TV-Episode einer 80er-Spidey—Serie an, bei der R-Rated-Helden kindgerecht verwendet werden (Punisher), jeder mal zum Kaffeekränzchen vorbeikommt (Black Widow, Hulk) und die Rahmenhandlung einzig dazu dient, den nächsten Film vorzubereiten… maybe it‘s me, aber ich bin es inzwischen einfach leid. Schon der letzte Spidey war eher ein Schaulaufen inkl. Memberberrys, aber packt doch einfach die Bezüge zum MCU wieder in den Abspann und lasst den Film für sich stehen. Keine Ahnung, wie das Ding so unfassbar erfolgreich werden konnte.

Rudi Ratlos
19. August, 2026 11:21
Reply to  Torsten Dewi

Wohl wahr und völlig in Ordnung 🙂

Thomas G. Liesner
21. August, 2026 09:39
Reply to  Rudi Ratlos

Im Gegensatz zu den letzten MCU-Rohrkrepierern funktioniert die Geschichte emotional, hat einen Spiderman-typischeren Scope und die Probleme wie Jean Greys Darstellung fallen beim ersten Sehen nicht so ins Auge. WIE erfolgreich er inzwischen schon ist, überrascht mich allerdings schon, anscheinend haben viele nach einem gelungenen Kinobesuch gehungert und mit "Odyssee" und "BND" hat man zwei allgemein akzeptierte Kandidaten gefunden.