Nürnberg: Himmel und Hölle
Am letzten Wochenende entführte ich den Frankster spontan für einen Tag nach Nürnberg, um dieses Jahr wenigstens einen repräsentativen Ausschnitt des B-Film Basterds-Festivals inklusive des mittlerweile heiligen Vortrags von Christian Kessler mitzunehmen.
Es war eine mittelgute Idee. Dank Ferienbeginn standen wir ab Ingolstadt im Stau und verpassten den Großteil dieses Sahnestückchens deutscher Filmkultur:
Ob es besser war, zu DEVIL’S STORY pünktlich zu sein? Die Jungs von Redletter Media haben den ja 2025 ausführlich besprochen – mit Gaststar:
Wenigstens lernte der Frankster gleich auf die harte Tour: die Basterds sind kein Festival für Pussys. Hier gibt es keinen Trash light für den Nachwuchs, sondern Zelluloid-Folter deluxe, wie sie vom Herrgott gewollt ist.
Nun ist der Frankster ja Experte für und Fan von asiatischer Kultur und kennt mannigfaltig Mangas und Animes. Aber bei THUNDER PRINCE zog auch er blank und nach Ansicht des Films haderte er mit der verschwendeten Lebenszeit – spult euch einfach mal ein wenig durch:
Die Pause danach spazierten wir durch die Altstadt, wo angesichts des Bardentreffens die Massen los waren – alle 50 Meter traten Bands und Solisten auf. Die Vielfalt der Stile und Qualitäten stand den B-Film Basterds in nichts nach:
Es war brechend voll und unsagbar schwül, aber auch bezaubernd lebendig und lebensfroh. Wir entschieden uns spontan, in der Nähe des Kinos ins MULLIGAN’S einzukehren. Wahrlich, das eiskalte Bier bzw. Cider ist in so einer Situation ein Genuss, der sich kaum beschreiben lässt.
Der Vortrag von Christian Kessler war diesmal nicht an die Präsentation eines neuen Buches gebunden – stattdessen wurden obskure Kurzfilme und bizarre Ausschnitte kuratiert gezeigt. Es war ein großer Spaß und den besten Werner Herzog-Film, den Werner Herzog nie gedreht hat, sollte man gesehen haben.
Danach mussten wir auch gleich wieder auf die Autobahn, denn der Frankster hatte sich für einen 75 Kilometer-Marsch am nächsten Tag angemeldet. Es braucht halt jeder Mann ein Hobby – und das ist seins.
Soweit zum Himmel dieses Tages – aber warum spricht der Titel des Beitrags auch von einer Hölle? Nur der Hitze wegen? Leider nein.
Es ist… Nürnberg.
Ich mag dank München verwöhnt sein, aber ich kenne neben dem Treffpunkt Zoo in Berlin keine derart ranzige Ecke in dieser Republik wie die Altstadt Nürnbergs rund um den Hauptbahnhof. Hier sagen sich Junkies, Obdachlose und Kleinkriminelle gute Nacht und man muss lernen, konsequent vorbei zu schauen.
Auch dieses Jahr mühte sich die Stadt, uns früh und drastisch zu zeigen, was sie zu bieten hat. Nachdem wir den Wagen im Parkhaus abgestellt hatten, kehrten wir kurz bei McDonalds ein, weil der Frankster dringlich verpflegt werden wollte.
Zum Burger-Menü bekamen wir obendrauf noch einen Altjunkie spendiert, der mit schlabbernder verdreckter Jogginghose an uns vorbei lief, die er links so entspannt festhielt, dass sie rechts gerade weit genug runterrutschte, um sein schrumpliges Gemächt an unserer Pommes vorbei zu paradieren.
Lecker!
Im Kommunalkino wollte der Frankster dann kurz die Örtlichkeiten aufsuchen. Er hatte die Kabinentür noch nicht ganz hinter sich geschlossen, da brüllte schon ein Mann vom Wachdienst in den Waschraum:
"WAS MACHEN SIE DA DRIN?!"
Der Frankster gab die wahre wie alternativlose Antwort:
"Was meinen Sie denn, was ich hier mache?!"
Es ist zu unterstellen, dass die körperliche Entleerung hier nicht immer Vorrang hat. Da geht einem das Herz in der Hose auf…
Als Bonus konnten wir beim Spaziergang noch diverse Randexistenzen begutachten, die schreiend und willkürlich Gewalt androhend über das Kopfsteinpflaster stolperten. Es macht die Sache nicht besser, dass die Verärgerung darüber mit der Empathie kollidiert, die man für solche letztlich arme Gescheiterte empfindet.
Wenigstens gab es diesmal keine schwadronierenden Verschwörungs-Theoretiker, die ich mir zur Brust nehmen musste…



Ja, der Nürnberger Bahnhof ist mir 2018 auch negativ aufgefallen. Wobei ich nicht sagen kann, dass das schlimmer wäre als Bahnhof in Düsseldorf oder hier in Köln am Friesenplatz, wo sich die Klientel seit kurzem wieder tummelt
Düsseldorf HBF ist sicher in einigen Ecken nicht schön (war früher aber wesentlich schlimmer). In Nürnberg ist das großflächiger in den unteren Etagen und bis in die Altstadt rein.
Mag sein. Ist mir damals nicht so aufgefallen, aber das ist ja auch schon 8 Jahre her
Darf ich fragen, wann du zum letzten Mal dort warst? Ich war gerade eben dort und es war erschreckend.
Von welcher Stadt und mit wem redest du?
Frankfurt Bahnhofsviertel empfinde ich als ebenso unangenehm, wie die entsprechende Ecke in Hamburg. Nürnberg hingegen, wo ich zumindest 3-4x landete, ist mir gar nicht so negativ aufgefallen, muss ich gestehen.
Und der letzte Teil des Artikel ist der Knackpunkt: Einerseits sind das Menschen, die wirklich am Grunde jeglicher möglicher Existenz sitzen, Menschen, denen man helfen irgendwie helfen muss. Wie auch immer. Aber dann ertappe ich mich beim Gedanken, dass das ja gut und richtig ist, aber doch bitte nicht HIER, und schäme mich bei dem Gedanken. Denn es kann auch nicht sein, dass man für so privilegierte Leute wie dich und mich, das Elend außer Sichtweite schafft, damit wir uns wohl – noch wohler – fühlen können auf dem Weg von Premiumkino zum Ersten Klasse ICE. Auch wenn ich mich teilweise sehr unwohl fühle, versuche ich den Ärger hinunter zu schlucken oder zumindest in Richtung Politik zu kanalisieren, die nicht aufzuhalten ist beim Wegrationalisieren von Sozialprojekten. Ich fühle mich in einer Sackgasse, wenn ich denke: joah, Zoo könnte ganz schön sein hier, wenn nicht die Obdachlosen wären – und doch bin ich dankbar, dass immerhin die hiesige Bahnhofsmission offensichtlich so gute Arbeit leistet, dass es sich rumspricht.
Was wäre denn die Alternative? Man kann Armut und Obdachlosigkeit nicht einfach wegwischen. Man müsste es aktiver angehen, wozu aber niemand bereit ist, signifikante Gelder in die Hand zu nehmen, für Entzugsmaßnahmen, vernünftig bezahlte Sozialarbeiter und Wohnprojekte. Das soll ich Skandinavien gute Erfolge bringen, hab ich mal gelesen irgendwo. Aber so lange die Politik lieber privilegierten Autofahrern massig Geld in den Rachen schmeißt, damit die nächste Tankfüllung ihres überdimensionierten Premiumautos nicht 10 oder 20 Euro teurer ist (und gleichzeitig den ÖV verteuert!), als Besagtes in soziale Projekte zu stecken, braucht man sich nicht zu wundern. Und dann haben wir eben das Luxusproblem, uns am Bahnhof nicht wohlzufühlen und die Betroffenen ihre Probleme, die so grauenhaft sind, dass ich darüber nicht mal nachdenken möchte.
Das ist leider eine sehr fruchtlose Situation. Natürlich kann man immer diskutieren, inwieweit Armut, Kriminalität und Drogensucht eigenverantwortlich oder von "der Gesellschaft" mitverursacht sind. Ob man die Leute nicht verscheuchen "darf" – aber damit dem Bürger die Konfrontation mit diesen Problemen zumuten soll. Ich habe da sehr ambivalente Ansichten zu, die keinerlei homogenen Lösungsansatz ergeben. Als Zivi beim Sozialdienst in Düsseldorf habe ich gelernt, dass vor allem eine beliebte Meinung Quatsch ist: dass der Staat sich nicht ausreichend kümmert. Ich habe so viele Sozialarbeiter erlebt, die im täglichen Umgang mit ihren Klienten ständig über ihre Grenzen gegangen sind. Dass die Angebote der Stadt in Sachen Versorgung, Betreuung und Unterkunft einfach nicht angenommen wurden. Was von zu vielen bürgerlich Empörten nämlich gerne übersehen wird: die Betroffenen müssen die Angebote auch annehmen wollen Daran hakt es oft genug.
Ich arbeite ja im Jobcenter (spart euch die Witze) und spreche da auch ab und an mal mit Fallmanagern.
Das sind diejenigen, die die Arbeitslosen bekommen die der Rest der Gesellschaft schon angeschrieben hat.
Das wiederum sind diejenigen, die am Bahnhof sitzen und den Tag vorüber ziehen lassen, die prügeln, saufen, psychische Probleme haben, Angststörungen usw.
Um zu so jemanden erstmal ein Verhältnis aufzubauen, das ein ordentliches Gespräch zulässt vergehen Monate.
Und WENN man diese Person wieder auf die gerade Bahn bringen kann, dann sind diese immer dankbar für die Hilfe.
Diese Menschen können Hilfe manchmal nichtmehr annehmen, das lässt ihr Geisteszustand einfach nicht zu.
Ja. Es gibt die Totalverweigerer. Nein. Es ist nicht die Mehrheit.
Das möchte ich einfach so festhalten
Was ja exakt meinen Aussagen entspricht. Ich glaube außerdem nicht, dass ein Job im Jobcenter irgendeine Form von dummen Sprüchen rechtfertigt. Ich habe davor Respekt.
Ich glaube, die Diskussion kann in jede Richtung gedreht werden.
@Torsten: Ja, das ist genau, was ich meine: Warum muss ein Sozialarbeiter über seine Grenzen hinaus gehen? Weil es nicht genügend gibt, weil sie für die krasse Arbeit, die sie leisten (müssen), schäbig bezahlt werden, was wiederum eine Frage der Regulation ist. Gleiches gilt für jegliche soziale Berufe leider. Dass es Angebote gibt, die angenommen werden müssen – auf jeden Fall klar. Dass es genügend soziale Angebote gibt, die etabliert sind und trotzdem ständigen Kürzungen ausgesetzt sind – kann ebenfalls momentan gesehen werden.
@Nikolai: Als Bahnmitarbeiter kenn ich das Problem mit den Sprüchen 😉 Genau da ist das Problem: Man muss zu den Leuten durchdringen. Dazu gehört sehr viel Arbeit, Kraft und sicherlich auch Mut – und vor allem eine sehr große Frusttoleranz, die nur wirklich wenigen Menschen gegeben ist, vermute ich. Aber gerade deswegen sollte hier nicht weggeschaut werden, sondern die wenigen Menschen, die das machen können und wollen, mit entsprechenden Programmen unterstützt und mit Gold überschüttet werden. Sonst wird es nichts. Dass Sozialarbeiter auf den Zähnen kriechen und dafür nicht mal eine gute Bezahlung erhalten gehört zu den absoluten Missständen dieses Landes! Zu sagen: "Wir hatten da mal dieses Programm und das wurde nicht angenommen", führt eben zu nichts, wenn man die Kraft nicht aufbringen möchte (im Sinne von Aufbau guter Strukturen für helfende Menschen), dann wird man den Schritt gar nicht erst tun können, die Betroffenen überhaupt dahin zu bringen, dass sie die Angebote überhaupt annehmen können!
Das ist mir zu einseitig. In meiner Düsseldorfer Zeit (und ich weiß das auch von München) waren Sozialarbeiter weder schlecht bezahlt noch ausgebeutet. Der Job IST schlicht stressig, so oder so – und wenn sich die Leute darum nicht reißen, kannst du auch keine einstellen. Es liegt nicht am Geld. "Mit Gold überschütten" ist keine Option und die Berufswahl funktioniert leider nicht perfekt dynamisch nach dem Angebot/Nachfrage-Prinzip. Gilt auch bei Lehrern und Klempnern.
ja, das ist natürlich stark vereinfacht. Aber man kann auch nicht bestreiten, dass heutzutage soziale Berufe eher unterbezahlt sind für die Leistung, die sie erbringen. Nicht nur in ihren zahllosen Überstunden und persönlichen Opfer, sondern auch ideell. Ich meine, sie helfen Menschen, was kann es besseres geben? Und im Vergleich zu meinem Job oder einem Banker oder wasauchimmer, der irgendwann nach Hause geht, und gut ist, ist das lächerlich wenig bezahlt. Ich kenne etliche Erzieher, Rettungssanitäter, Pflegerinnen, Lehrer und auch Sozialarbeiter und keiner verdient ansatzweise so, dass er/sie sich eine große Wohnung oder einen guten Urlaub finanzieren könnte oder arbeitet so, dass viel Freizeit hinten raus fällt. Und das meinte ich grob mit "Gold überschütten". Damit meine ich nicht zwangsläufig nur das Materielle, sondern auch sowas wie Erholung oder sonstige Boni, die man so haben kann.
Und ja, ich denke schon, dass wenn sich Arbeitsbedingungen und/oder Gehalt verbessern würden, wären Sozialberufe deutlich gefragter. Wenn ich aber sehe und höre, dass meine Pflegerin-Freundin wieder einmal nach einer Doppel-12h-Schicht in ihre Ein-Raum-Wohnung zurückkehrt und das nächste Wochenende nicht frei hat – oder meine Lehrerin-Freundin bereits das dritte Wochenende in Folge mit Unterrichtsvor- und Nachbereitung, Klausurkram oder sonstwas verbringt und die Zeit nach ihren auf dem Papier wenigen Arbeitsstunden unbezahlt wegen Elterngesprächen oder Arbeitseinsätzen in der Schule verbringt, dann weiß ich, warum ich damals trotz intensiver Überlegungen weder Lehrer noch Sanitäter geworden bin – was beides vom reinen Job her für mich sehr in Frage kam eine zeitlang.
Niemand bestreitet das. Aber es ist auch eine Frage von Angebot und Nachfrage. Du kannst Klempner "gerecht" bezahlen – dann kann sie sich keiner mehr leisten. Du kannst Pfleger "gerecht" bezahlen – dann explodieren die Pflegekosten und deine Oma kann sich gar keine Pflege mehr leisten. Die Systeme sind am Anschlag und es gibt keine offensichtlichen Lösungen.
Als Nürnberger kann ich da leider nur so kraftlos widersprechen, dass ich es gleich sein lasse. Ist das Basterds-Festival direkt im KommKino? Dort habe ich vor etlichen Jahren "Bad Taste" gesehen und kurz vor dem "Der Herr der Ringe"-Durchbruch war Peter Jackson vor Ort, um "Braindead" zu präsentieren. Ich ärgere mich heute noch, das damals verpasst zu haben (war Teenager und die Priorität lag damals leider nicht beim Kino). Aber ich schweife ab…
Ja, direkt im KommKino. Die Toiletten sind eigentlich ein Skandal.
Früher Casablanca? Ich war dort. Weekend of Fear 92. Peter war sehr nett.

"Wenigstens gab es diesmal keine schwadronierenden Verschwörungs-Theoretiker,…"
Das hätte dir doch Spaß gemacht.
Ich gestehe – ganz besonders, weil ich diesmal den Frankster als Zeugen dabei gehabt hätte.