Wortvogels YouTube-Retrospektive März 2026


Ich probiere mal etwas Neues. Da ich sowieso unangemessen viel Zeit auf YouTube verbringe, kann ich wenigstens einmal pro Monat einen Beitrag daraus generieren, in dem ich mein "best of" präsentiere. Das hat den zusätzlichen Bonus, dass man ein Gefühl dafür bekommt, welche Themen mich in diesem Monat beschäftigt haben.

Es kann nicht alles für jeden sein, aber vielleicht für jeden etwas!

Nvidia hat mal wieder Schlagzeilen gemacht. Bei der DLSS 5-Technologie hilft KI, gering aufgelöste Spielegrafiken in Echtzeit zu verfeinern und dazu Belichtung und Kontrast zu verbessern. Das bedeutet nicht nur eine deutliche Verbesserung der Grafik, sondern auch eine reduzierte Anforderung an Prozessor und Grafikkarte:

Weil’s mit KI zu tun hat, drehen die Unkenrufer wieder am Rad und sehen überall einen hässlichen KI-Look, was natürlich Quatsch mit Soße ist.

Da YouTube längst problemlos Videos mit 10 Stunden Laufzeit zulässt, kann man sich als Zuschauer regelrecht in die Vergangenheit versetzen lassen – hier finden sich satte 7 Stunden Anthologie-Genreserien inklusive Werbeunterbrechungen. So sah es aus, wenn man in den USA in den 90ern Kabelfernsehen schaute:

Wir haben schon mehrfach darüber gesprochen, dass der gefeierte Michael Pfleghar gerne bei internationalen Formaten für seine radikal modernen Show-"Erfindungen" abgeschaut hat. Es lässt sich aber nicht bestreiten, dass er in der Tat frischen Wind ins deutsche Fernsehen gebracht hat, wie schon seine erste Unterhaltungssendung LIEBEN SIE SHOW…? beweist. Das ist sehr pfiffig:

Mich begeistert, dass man den Deutschen in den 80er Jahren erstmal beibringen musste, was es mir diesem komischen "Stereoton" (und damit auch Zweikanal-Ton) auf sich hat – richtig los geht es hier bei 20:40:

Nicht nur die DUCKTALES der 80er waren grandios, auch die Neuauflage vor ein paar Jahren konnte mit Charme und Stil begeistern. Vor allem beantwortete sie eine lange gestellte Frage: wer war eigentlich die Mama von Tick, Trick und Track? Das hier ist wirklich eine bezaubernde Familienzusammenführung:

I could’ve been TURBO?!?!

Ich bin wahrlich kein Freund von Eurodance oder der Bubblegum-Musik der 90er, aber einige Kommentare eines Freundes haben mich dazu genötigt, mir das Genre etwas näher anzusehen. Generell findet man viele schlechte Coverversionen, bei denen das Aussehen der Sängerin ein guter Hinweis ist, dass sie garantiert nicht selber singt (hier Jeanette Macchi-Meier, Stimme von Lyane Leigh):

Es gibt jedoch auch Perlen zu entdecken. Die Band Steps ist außerhalb von Großbritannien kaum bekannt, daheim aber absoluter Kult, und hat sich öfter wieder zusammen gerauft als die Spice Girls. Ihr Markenzeichen (abgesehen davon, dass die beiden Jungs nie wirklich zu hören sind): extrem einfache Choreographien, die bei Konzerten begeistert vom halben Saal mitgetanzt werden.

Ihr großer Hit ist eine (recht gelungene) Coverversion von "Tragedy" von den Bee Gees, aber wahrlich – "One for sorrow" ist eine Nummer "for the ages" und spielt die größtmögliche Nähe zu ABBA aus, die möglich ist, ohne verklagt zu werden:

Ja, die Mädels von Steps konnten/können singen – alle drei.

Und weil wir gerade von ABBA reden: wusstet ihr, dass die Band Anfang der 70er mit einem Ersatz auftrat, als Agnetha mit ihrem ersten Kind schwanger war?

Fast jeder kennt den Song "I wanna be loved by you" in der Version von Marilyn Monroe aus MANCHE MÖGEN’S HEISS von 1959. Tatsächlich ist das Stück erheblich älter. Hier wird die Version Helen Kane von 1928 (!) auf einem modernen Plattenspieler abgespielt – fast 100 Jahre alt:

Zeit, etwas zu lernen – ihr habt keine Ahnung, wie alt, raffiniert und anfällig die Wasserversorgung von Los Angeles ist. Jeder Grashalm in der kalifornischen Metropole wird dem Land quasi mit Gewalt abgerungen:

Weil wir das Thema Seagal neulich schon hatten – es ist bemerkenswert frech und skrupellos, wie der Mann seinen Akzent und seine Familiengeschichte herbei lügt und je nach Interessenslage anpasst:

Buster Keatons THE GENERAL ist ein Meisterwerk, das heuer 100 Jahre alt wird. Ich verneige mich in Ehrfurcht vor der Qualität dieser Restaurierung.

Das wird jetzt viele Puristen auf die Balustraden treiben, aber auch KI hat ihren Platz bei der "Rettung" verschollener Filme. So wurde der als verloren betrachtete Stummfilm LONDON AFTER MIDNIGHT mit Standbildern rekonstruiert, aus der KI nun einen "echten" Film errechnet hat. Das ist natürlich nicht mit dem Original zu vergleichen, aber es zeigt neue Möglichkeiten auf, sich "lost media" anzunähern:

Die LvA und ich schauen im Bett zum einschlafen gerne alte Cartoons. Die muss man weder auf Scheibe kaufen noch einzeln irgendwo runterladen – Warner Bros. ist so nett, mehrere großartige Kompilationen online zu stellen:

Die meisten Zuschauer kennen den Komiker Steven He aus den Videos von "Onkel Roger" ("emotional damaaaage!"). Er ist allerdings auch der Kopf hinter einer grandiosen Parodie der typischen japanischen Sentai/Kaiju-Serien:

Wahrer Stil überdauert seine Zeit – diese Sequenz ist (auch in ihrer weitgehenden Dialoglosigkeit) ein perfektes Beispiel für die Masterclass, die MIAMI VICE war. Alles ist Geometrie, Farbe, Licht, Bewegung, Raum:

Apropos neon: Die Neon-Serie der Europa-Horror-Hörspiele gehört zu den prägenden Erinnerungen meiner Jugend. Weil es der Sache nicht gerecht wird (und zu lange dauert), ein komplettes Hörspiel heraus zu greifen, präsentiere ich euch hier die Musik der Reihe. Lovely midnight sounds:

Ich mag das SURROUNDED-Format, bei dem ein (oft nur behaupteter) Experte sich 25 Menschen gegenüber sieht, die seine Meinung radikal ablehnen, und im Wechsel versuchen dürfen, ihn in Grund und Boden zu diskutieren. Besonders viel gelernt habe ich bei Jillian Michaels Entlarvung des "body positivity movements" – auch über die Menschen, die sich als deren Verfechter verstehen:

Bonus-Episode – der großartige Alex O’Connor zerlegt Christen, die oft genug nicht mal die Grundlagen ihres eigenen Handbuchs kennen:

Kurz vor Redaktionsschluss kam noch etwas ganz Tolles rein. Die ARD strahlte ab 1979 unregelmäßig kurze Beiträge unter dem Titel "wir über uns" aus, in denen ein Blick hinter die Kulissen der Programmgestaltung möglich wurde. Der Hintergrund war vermutlich weniger das Interesse, den Zuschauer zu informieren. Tatsächlich konnte man mit solchen Formaten Löcher im Programmablauf füllen, damit die nachfolgenden Sendungen nicht zu früh dran waren. Sei es wie es sei – einer der YouTube-Retrokanäle hat eine Playlist mit Episoden zusammen gestellt:

Zum Abschluss eine kleine Vorschau. Demnächst steht eine Neuverfilmung von EIN MÜNCHNER IM HIMMEL an. Ich habe sie schon gesehen, aber es gibt eine Sperrfrist für die Kritik bis zum 1. Mai. Das hindert uns aber nicht, vorher noch einmal das bezaubernde und zeitlose Original zu schauen:

So, das waren 21 Videos und vielleicht der Start einer monatlichen Rubrik – das kommt auch auf euch an. Hat so etwas einen Mehrwert? Interessiert das wen?



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koldir
1. April, 2026 09:35

Da hebe ich mal den Finger gen Himmel: feste Rubirk, aber so was von! Für mich hat sich der erste Artikel schon allein wegen dem Link zu den Horror Sounds gelohnt. Neben Heftromanen, gehören die Gruselhörspiele von Europa zu meinen ersten Begegnungen mit dem Genre. Hach, schön war die Zeit…

heino
1. April, 2026 11:34

Lohnt sich auf jeden Fall, und ist als Ersatz für die Leseliste mehr als willkommen

heino
1. April, 2026 14:54
Antwort auf  Torsten Dewi

Da freue ich mich drauf

Endstille
1. April, 2026 12:25

zur DLSS 5 Problematik:
Nvidia "confirms" DLSS 5 relies on 2D frame data as testing reveals hallucinations | TechSpot
und warum auch immer jetzt die Seite hier im Büro nicht mehr funktioniert, folgende Alternative:
DLSS 5 Details Revealed NVIDIA Confirms It Only Uses 2D Frames

Stefan
1. April, 2026 16:48
Antwort auf  Torsten Dewi

"Beheben" hieße nach dem was ich in den von Endstille verlinkten Artikeln lese, allerdings: "neu bauen" – denn das wäre ja eine komplett andere Engine.
Hielt den Backlash zunächst auch für typisch Internet übertrieben, weil einige Beispiele echt toll aussahen und beim Rest halt der Entwickler eingreifen müsste. Aber mit der beschriebenen "limited control" ist DLSS5 dann wirklich ein nicht kontrollierbarer Beautyfilter, der alles, was durchläuft in Richtung der gleichen Basis-Ästhetik schiebt: hübsche Menschen, klare Bilder (kein Nebel mehr, selbst wenn gewollt), perfekte Ausleuchtung (wer braucht schon dramatische Schatten …)
Das kann doch auch niemand wollen.

jimmy1138
1. April, 2026 13:43

"Das bedeutet nicht nur eine deutliche Verbesserung der Grafik, sondern auch eine reduzierte Anforderung an Prozessor und Grafikkarte:"

Ist das nicht bis zu einem gewissen Maß nur ein Zukunftsszenario? Denn im verlinkten Artikel heißt es gleichzeitig "Nvidia actually used two RTX 5090s for its demos: one plays the game, the other exclusively runs the DLSS 5 technology. The use of two GPUs is required right now as DLSS 5 still has a long way to go in terms of optimisation – both in terms of performance and its VRAM footprint." Sprich Nvidia hat für ihre Demos einen PC verwendet, wo zwei GPUs verbaut waren, die pro Stück >3000€ kosten.
Ich sehe den use case daher eher nicht beim herkömmlichen Gamer, dem ultimativer Photorealismus eher egal sein wird. Interessanter ist da in meinen Augen, einen Film (bzw Teile eines Filmes) basierend auf Gaming Engines zu animieren und den dann optisch aufzuputzen.

Ralf
1. April, 2026 13:44

Als jemand der hier schon seit mindestens 10 Jahren still mitliest, überwinde ich mal meine Schreibfaulheit und sage ja mach das.
Würde ich gerne einmal im Monat lesen.

Alex
1. April, 2026 18:24

Falls es noch eine Bestätigung braucht: Unbedingt weiter machen mit dieser Rubrik.

Thomas Bunzenthal
1. April, 2026 19:55

Ich will ja nicht klugscheißen, aber…
"Auf die Balustraden"?

Thomas Bunzenthal
1. April, 2026 20:31
Antwort auf  Torsten Dewi

Verdammt.

Squirrelius
1. April, 2026 20:59

Bei dem Steven He Abschnitt müsste es heissen "aus den Videos von " statt "als". Onkel Roger ist ein Charakter des Komikers Nigel Ng.

Ansonsten schöne Rubrik.